Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes


Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Berlin

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Inhalt: Geschichte

Rüdersdorfer Gewässer (RüG)
 

Der Außenbezirk Erkner des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin betreut Gosener Graben, Große Krampe, Löcknitz, Müggelspree, Teilstrecken der Spree-Oder-Wasserstraße und die Rüdersdorfer Gewässer (RüG), zu denen wiederum Dämeritzsee, Flakenfließ, Flakensee, Woltersdorfer Schleuse, Kalksee, Kalkfließ, Stolpgraben, Hohler See, Strausberger Mühlenfließ, Langerhanskanal und Kriensee gehören.

In einem Gedicht von Theodor Fontane über die Mark Brandenburg heißt es: „Nichts ist entlehnt und nichts geborgt, Für Großes und Kleines ringsrum gesorgt. Ja, ja, wir haben es leicht und bequem: Im Brieselang Eichen, in Glindow Lehm, In Rauen Kohlen, in Linum Torf, Kalkgeschiebe in Rüdersdorf.“ Für kaum eine andere Wasserstraße trifft der Spruch „Berlin ist aus dem Kahn gebaut“ mehr zu als für die Rüdersdorfer Gewässer. Mit den Kähnen wurden Sand, Kies und Steine aus den Rüdersdorfer Brüchen in die werdende deutsche Hauptstadt geschippert. Kähne waren die Lkws des 18. und 19. Jahrhunderts, Flüsse und Kanäle die Landstraßen und Autobahnen dieser Zeit.

 

Bei Rüdersdorf werden seit 700 Jahren Kalksteine im Tagebaubetrieb gebrochen - die Steine für Schloss Sanssouci, Brandenburger Tor, Reichstag, Deutscher Dom am Gendarmenmarkt, Staatsoper, Olympiastadion und Hotel Adlon. Die Blüte begann mit Friedrich Anton Freiherr von Heinitz (1725-1802), der nach 1777 als Oberberghauptmann beim Generaldirektorium des Bergwerks- und Hüttendepartements den planvollen Kalksteinabbau durchsetzte. Auf seine Anregung hin wurden schiffbare Kanäle angelegt, die vom Strausberger Mühlenfließ direkt in den Bruch führten. 1804 entstand der „Heinitz-Kanal“, 1816 der „Bülow-Kanal“ und 1827 der schiffbare „Reden-Kanal“ zum Kalksee, den der Bergbauspezialist Friedrich Wilhelm von Reden (1752-1815) durchsetzte.

 

An diese Kanäle, die bis 1897 voll funktionsfähig waren, erinnern heute noch die Portale der Tunnelunterführungen von Heinitz-Kanal und Bülowkanal. Das Portal des Reden-Kanals nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel ist (derzeit) nicht mehr. Es „soll nur verschüttet“ sein.

Auf dem 17 Hektar großen Gelände der Rüdersdorfer Kalksteinbrüche gibt es inzwischen auch den „Museumspark Rüdersdorf“ (www.museumspark.de). Erst wenn man am Rand des Tagebaues steht, die 4 Kilometer lange und 1 Kilometer breite Kette von Heinitzbruch, Redenbruch und Alvenslebenbruch vor und „bis minus 47 Meter“ unter sich hat, begreift man den Spruch „Berlin ist aus dem Kahn gebaut“.

 

Die Rüdersdorfer Kalksteinbrüche und die Rüdersdorfer Gewässer sind seit dem Mittelalter untrennbar verbunden. Es begann 1550 mit einer Stauschleuse bei Woltersdorf, setzte sich 1570 fort mit dem Bau einer Schleuse am Ausfluss des Kalksees, mit dem der Kalkgraben bis zum Kesselsee schiffbar wurde. 1835 kam der etwa 500 Meter lange Langerhanskanal zum Kriensee hinzu. An seinem Abzweig erfolgte 1858 der Ausbau des oberen Strausberger Mühlenfließes zum Stienitzsee – heute eine Landeswasserstraße Brandenburgs. Mit dieser nördlichen Wasserstraße verlor die südliche Kanalanbindung ihre Bedeutung - Heinitz-, Bülow- und Reden-Kanal wurden 1897 aufgegeben.

 

Mit dem Bau der Schachtofenbatterie für die Kalkbrennerei bekam der Lastschiffverkehr nach 1885 einen weiteren Impuls. Vorausgegangen waren der Ausbau der Kanäle zwischen den Seen (1879/82) und 1882 der Bau einer Kammerschleuse mit 67 Meter Länge in Woltersdorf. Nach Recherchen von Hans-Joachim Uhlemann wurden 1847 rund 216.000 Kubikmeter Kalksteine über die Schleuse Woltersdorf transportiert – dafür waren über 15.000 Plauer Maßkähne erforderlich (Länge 65 Meter, Breite 8 Meter, Tiefgang 2 Meter, 745 Tonnen).

Da der Transport von Stein und Zement bis in das 20. Jahrhundert über den Wasserweg abgewickelt wurde, nahm die Königliche Regierung in Potsdam in der „Eintheilung und Bezeichnung der Märkischen Wasserstraßen“ des Jahres 1901 die Rüdersdorfer Gewässer (RüG) zwar nicht als Hauptwasserstraße, immerhin aber als Nebenwasserstraße auf.

In den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte Rüdersdorf zum größten Baustoffproduzenten in Ostdeutschland. Die Rüdersdorfer Gewässer wurden den Hauptwasserstraßen zugeordnet. Nach 1957 erfolgte der Ausbau zwischen der Woltersdorfer Schleuse und dem Langerhanskanal zum Rüdersdorfer Industriegebiet für Großplauer-Maßkähne und eine Tauchtiefe von 1,85 Meter. Neben dem unzweckmäßigen Schifffahrtstunnel am km 9,56 wurde ein Durchstich gegraben. Der Heinitzsee, ein gefluteter Tagebau, „Königssee der Mark Brandenburg“ genannt, wurde 1975/76 gesumpft und für den Kalkabbau genutzt.

 

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wurden 10,48 Kilometer der Rüdersdorfer Gewässer (RüG) Bundeswasserstraße. In der Neufassung vom 23.05.2007 des Bundeswasserstraßengesetzes (WaStrG) von 2007 heißt es im „Verzeichnis der dem allgemeinen Verkehr dienenden Binnenwasserstraßen des Bundes“ unter der Lfd. Nr. 48: „Rüdersdorfer Gewässer (Strausberger Mühlenfließ, Hohler See, Stolpgraben, Kalksee, Flankensee, Dämeritzsee) mit Stichkanal Langerhanskanal (Kriensee)“. Als jeweilige Endpunkte werden angegeben: „Oberhalb der Abzweigung des Langerhanskanals (km 9,85) bzw. Gosener Kanal.“

 

Am Pavillon der Anlegestelle „Rüdersdorfer Museumspark“ sei noch daran erinnert, dass die Gegend vielfach auf Zelluloid verewigt wurde. 1913 drehte der Regisseur und Sensationsdarsteller Harry Piel „Schatten der Nacht“. 1918 entstanden unter Ernst Lubitsch die Außenaufnahmen für den Ufa-Film „Carmen“ mit Pola Negri und Harry Liedtke. Im Oktober 1922 kam Harry Piel noch einmal, um „Rivalen“ zu drehen. Das „Ereignis“ gab es allerdings 1937, als Regisseur Richard Eichberg seinen Abenteuerfilm „Der Tiger von Eschnapur“ drehte.

 

Nach vier Kilometer Wasserstraße, an der sich Kanäle und Seen zu einer landschaftlich überaus beschaulichen Kette verbinden, Strausberger Mühlenfließ, Hohler See, Stolpgraben, Kalkfließ und Kalksee, liegen bei km 3,78 Schleuse und Klappbrücke von Woltersdorf. Hingewiesen sei noch auf den mächtigen Viadukt bei km 7,80, errichtet zwischen 1934 und 1937, der Berliner Ring der Reichsautobahn.

 

Es stimmt schon, dass sich Woltersdorf „seit der Wiedervereinigung zur attraktiven Wohnadresse entwickelt“ hat. Die Idylle zwischen Kalksee und Flakensee wurde allerdings stets durch die Nähe zur Metropole geprägt. Auf dem Schleusenplatz verkündet eine Tafel, dass „sich hier bis 1882 die alte Schleuse befand“, die 1550 urkundlich erwähnt wurde. Durch Aufschüttung entstand der Platz, der 1998/99 neu gestaltet wurde - „unter finanzieller Unterstützung des Bundes, des Landes Brandenburg und der Gemeinde Woltersdorf“.

Verschwiegen wird leider, dass die Woltersdorfer Attraktionen, Schleuse und Klappbrücke, zum gleichen Zeitpunkt einer Grundinstandsetzung unterzogen wurden - finanziert vom Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin (WSA-B). Die Arbeiten beinhalteten neben Sanierung der Schleusenanlage vor allem die Neubauten von Klapp- und Fußgängerbrücke, Steuerhaus und Warteplätzen für die Sportboote in den Vorhäfen. „Der gesamte Entwurf war mit 8.324.000,00 DM veranschlagt.“ Mit der Gestaltung wurde Udo Beuke, Leitender Baudirektor der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW), beauftragt. Wesentliches Moment für die neu zu gestaltenden Anlagen war der Blick des Architekten auf die Historie.

 

Seit der Verkehrsfreigabe im Mai 1999 ermöglicht es die Schleuse Woltersdorf den Rüdersdorfer Firmen wieder, Güter über den Wasserweg zu transportieren. Im Sommer kommen Hunderte von Sportbooten hinzu. Vom Außenbezirk Erkner des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin (WSA-B) werden Schleuse und Klappbrücke gewartet und bedient.

 

Ohne den Schleusenwärter also kein Auf und Ab der Klappbrücke, ohne ihn keine Schleusung, mit der das Gefälle an dieser Staustufe überwunden wird (Hubhöhe 2,10 Meter), ohne ihn wohl auch keine Zuschauer, die tagsüber von der Fußgängerbrücke das Geschehen fasziniert betrachten.

 

Vom neuen Steuerstand bedient der Schleusenwärter die Schleusentore und die Klappbrücke. Die Beobachtung des Verkehrs auf dem Wasser und der Straße erfolgt über Kameras, so dass der Mitarbeiter auch jederzeit die Ankunft der „Woltersdorfer Straßenbahn“ registrieren kann, die jährlich etwa 630.000 Fahrgäste befördert. Das Nahverkehrsunternehmen (der heutigen Woltersdorfer Straßenbahn GmbH) wurde am 17. Mai 1913 in Betrieb genommen und sorgt seither als Überlandstraßenbahn auf der 5,6 Kilometer langen eingleisigen Strecke für die Verbindung vom S- Bahnhof Rahnsdorf nach Woltersdorf. (www.woltersdorfer-strassenbahn.de)

 

Ob mit Bahn oder Boot, in jedem Fall ist man am Flakensee, der - neben den Ausflugsgaststätten - vor allem als Badesee und Wassersportterrain begehrt ist. Nachzutragen ist, dass sich am südlichen Ende des Sees die Einfahrt in die Löcknitz befindet, über die Werlsee, Peetzsee und Möllensee erreicht werden.

 

Rechts davon geht es über das Flakenfließ nach Erkner. Der Ort, 1579 erstmals unter dem Namen „Arckenow“ erwähnt, war bis ins 19. Jahrhundert ein Schifferdorf. 1822 gaben zwei Drittel der Familien „Schiffer“ als Stand des Familienoberhauptes an. Die Industrialisierung begann 1859, als der Unternehmer Julius Rütgers erkannte, dass „sich die Theergewinnung auf dem Continente durch die Ausdehnung der Gasanstalten und die Errichtung von Steinkohlen-Koksöfen mit Theergewinnung vermehrte“.

 

Am Flakenfließ, der Verbindung zwischen Flakensee und Dämeritzsee, errichtete er „die erste große Theerproduktenfabrik in Deutschland bei Berlin“. 1909 folgte mit der „Bakelite Gesellschaft mbH Berlin-Erkner“ die Produktion des Kunststoffs Bakelit. Als „VEB Teerdestillation und Chemische Fabrik Erkner“ und „VEB Plasta, Kunstharz- und Pressmassenfabrik Erkner“ produzierten sie munter weiter, ohne an die Umwelt zu denken. Obwohl das Gelände nach 1990 saniert wurde, dort Stadthalle und Busbahnhof entstanden, wird die Beseitigung der Schadstoffe (auch im Flakenfließ) noch einige Zeit brauchen - Phenolgeruch und bunte Interferenzflächen an der Wasseroberfläche sind nicht zu leugnen.

 

Erkner, um zu den angenehmen Seiten zu kommen, war von 1885 bis 1889 Wohnsitz von Gerhart Hauptmann. Nach seiner Hochzeit am 5. Mai zog er (der Lunge wegen) im September mit seiner Frau Marie in die Villa Lassen. Dort entstanden die Novelle „Bahnwärter Thiel“ (1888), sein erstes Drama „Vor Sonnenaufgang“ (1889) und wohl auch das zunächst im schlesischen Dialekt abgefasste Stück „De Waber“– das später unter dem Titel „Die Weber“ sein bedeutendstes Werk wurde. Die Villa ist seit 1987 Gerhart Hauptmann Museum. Die Einrichtung ist aus dem Nachlass rekonstruiert worden, darunter Bibliothek und Bestände des ehemaligen Hauptmann-Archivs Radebeul mit Lebensdokumenten, Briefen und Autographen. (www.gerhart-hauptmann.org)

 

Gut behütet sind auch die „Wasserbauer“ des WSA Berlin, allerdings erst seit 1932, als die Römisch-Katholische Kirchengemeinde Erkner gleich nebenan am Dämeritzsee ein Gelände kaufte und im gleichen Jahr nach Plänen des Berliner Architekten Kühn die Bonifatius-Kirche errichten ließ. Das Gotteshaus wurde zwar am 8. März 1944 durch Weltkriegsbomben zerstört, aber nach dem Wiederaufbau bereits am 19. März 1949 erneut geweiht.

Wie der 1901 von der Königlichen Regierung in Potsdam veröffentlichten „Eintheilung und Bezeichnung der Märkischen Wasserstraßen mit Angabe der wichtigen Orte, der Schleusen, Brücken, Pegel und dergleichen“ zu entnehmen ist, wurde einige Jahrzehnte vor dem Kirchenbau am Dämeritzsee bei km 1,30 bereits das „Dienstgehöft Dämeritzhafen“ geschaffen, aus dem nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Bildung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin der Außenbezirk Erkner wurde.